Rettet die Welt für Individuen, nicht für die Welt
Wenn du eine Taube rettest, rettest du nicht die Welt, aber die Welt dieser Taube.“ Diesen Satz habe ich mal irgendwo aufgeschnappt, finde die Quelle aber leider nicht mehr. Dennoch möchte ich ihn gerne teilen, denn er hilft zu verstehen, wie man aktiv werden kann angesichts all des Leids auf der Welt, ohne in Ohnmacht zu verfallen. Wenn ich es richtig im Kopf habe, kam ein inhaltlich ähnlicher Satz auch einmal von Mutter Teresa: Würde sie ihren Blick auf alles Schlechte lenken, wäre sie wie gelähmt. Wenn sie sich aber auf das Individuum vor sich konzentriert, kann sie etwas tun. Ehrlich gesagt liegt dem, glaube ich, etwas sehr Menschliches zugrunde. Es fällt vielen sehr leicht, Fleisch zu essen und die Augen vor der systematischen Ausbeutung zu verschließen, die die Menschheit an Masttieren verübt. Sieht man aber, wie ein einzelnes Schwein leidet oder ein Kalb seiner Mutter entrissen wird, dann greift bei gesunden Menschen die Empathie. Man bringt es in diesem konkreten Moment nicht übers Herz, das Lebewesen oder Produkte aus der Muttermilch zu konsumieren. Zumindest ist das meine Perspektive, welche auch über Jahre reifen musste. Wie können wir diese Erkenntnis nun nutzen? Die Antwort möchte ich aufteilen auf die gesellschaftliche sowie die individuelle Ebene:
Gesellschaftliche Ansätze
Nun ist es nicht möglich und auch nicht sinnvoll, jeden Menschen einzeln mit dem Leid von Kriegsverletzten oder Tieren in Gefangenschaft zu konfrontieren. Dennoch helfen manchmal Nachrichten von Flutkatastrophen oder ähnlichen schlimmen, lebenseinschneidenden Ereignissen, um eine große SpenderInnen-Bereitschaft zu erreichen. Das ist auch wichtig, und so können viele Einsätze und Hilfen realisiert und finanziert werden (Naturschutz, Seenotrettung, einzelne kostenintensive Behandlungen sowie Operationen – die Liste ist endlos). Zusätzlich wäre es wichtig, wenn ein paar wenige EntscheiderInnen und BeraterInnen verstehen, wie akut die Lage vor Ort ist, sei es in der Ukraine oder im Amazonas in Brasilien. Unsere Gesellschaft hat verschiedene Möglichkeiten einzugreifen: mit Spezialtruppen, die z. B. illegale Goldschürferaktivitäten unterbinden, oder aber auch mit Straßenprotesten und Druck auf die Politik.
Um zurück zum Tierleid-Beispiel zu kommen, das auch eng mit der Klimakrise zusammenhängt: Es gibt ein weiteres Mittel: Nudging. Basierend auf dem Buch von Richard Thaler und Cass Sunstein, die damit auch den Wirtschaftsnobelpreis gewannen, hat Nudging in anderen Bereichen der Lebensmittelindustrie schon gut funktioniert. Beispiel Alkohol in Schweden: In normalen Supermärkten gibt es nur sogenanntes Klasse-2-Bier zu kaufen und Alkohol mit maximal 3,5 %. Für alle „härteren“ Spirituosen muss man in sogenannte Systembolagets, also extra Läden für Alkohol, die auch mit kürzeren Öffnungszeiten versehen sind. Das Ergebnis? Ein reduzierter Alkoholkonsum der Bevölkerung und damit vielleicht/hoffentlich weniger Alkoholismus, was in langfristiger Konsequenz auch weniger damit verbundene Ausschreitungen oder Suchtverhalten bedeutet und Leid reduziert.
Guckt man sich an, wie wasser- und ressourcenintensiv der Konsum von Fleisch ist, dann wäre es auch denkbar, die schiere Fülle an ebendiesen Produkten in Supermärkten wieder einzuschränken. Es wird ein, zwei Generationen dauern, aber dieser langsame Wechsel ist möglich und notwendig für eine gesunde Zukunft von uns Menschen und unserem Planeten.
Individuelle Ansätze
Das Schlechteste, was man tun kann, ist, morgens aufzuwachen, negative Nachrichten zu konsumieren und davon wie gelähmt zu sein. Damit schadet man der eigenen Psyche und tut auch der Welt nichts Gutes. Produktiv und potenziell sinnstiftend wird es nur, wenn man ins Tun kommt und schlechte Energie in gute umwandelt; „passives Konfrontiertwerden“ mit aktiver Einflussnahme zurückweist.
Konkrete Beispiele: Menschen wie Gabriele von Arnim schreiben Bücher wie „Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht“, die Mut und Hoffnung machen. KlimaaktivistInnen wie Luisa Neubauer sprechen davon, dass Kinder ein Liebesbeweis an die Welt seien und damit auch in diesen Zeiten wichtig sind (ja, diese Aussage wurde kontrovers behandelt). Viele einzelne Mitglieder unserer Zivilgesellschaft setzen sich tagtäglich ein für andere Menschen, die Demokratie, unsere Umwelt, Tiere und vieles mehr. Menschen pflegen ihre Angehörigen und treten dabei unweigerlich in ihrem eigenen Leben kürzer. All dies gibt den Menschen Sinn und macht die Welt zu einem besseren Ort. Der Welt ist am meisten geholfen, wenn sich jeder und jede auf seinen Handlungsspielraum konzentriert und tut, was möglich ist, ohne sich selbst dabei zu zerstören. Dieses Credo habe ich in einer Folge Hotel Matze mit eben besagter Gabriele von Arnim mitgenommen: Wir dürfen auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten.
In diesem Sinne: Was auch immer dich gerade beschäftigt, lass die Empathie zu – und wenn du das Gefühl hast, du kannst etwas tun, dann bringe dich aktiv ein. Und: Es ist nie verkehrt, erst einmal vor der eigenen Haustür und in der Nachbarschaft zu kehren.