Naturfotografie und Film – Jäger der Wildnis in Schweden

„Ich hatte gelernt, dass die Geduld eine höchste Tugend war, die eleganteste, meistvergessene. Sie half dabei, die Welt zu lieben, statt sie verändern zu wollen. Sie lud dazu ein, sich vor die Bühne zu setzen, die Vorstellung zu genießen, und sei es nur ein zitterndes Blatt. Die Geduld war die Verneigung des Menschen vor dem Gegebenen …“  

— Sylvain Tesson, Der Schneeleopard

Um den Reiz der Naturfotografie und des dokumentarischen Filmens / Festhaltens von Ereignissen, die Pflanzen und Tiere beinhalten, zu verstehen, sollten wir über Geduld sprechen. Wer Zeit und Muße mitbringt, wird in diesem Metier belohnt. Zumindest erhofft man sich das. Dieses Glücksspiel, bestehend aus Geduld, Zeit und Timing, kommt einer Jagd gleich. Was als Vergleich auch gar nicht so abwegig ist: Der eine Jäger legt sich auf die Lauer, um das Tier zu erlegen, der andere, um ein ansprechendes Bild zu schießen. Beide kommen nach der Jagd nach Hause und berichten von Erfolg und Misserfolg, von Begegnungen, Stare-Contests und Flucht. Bei geglückten Ereignissen wird danach die Beute geteilt, zur Schau gestellt oder alleine genossen – in Form von Fleisch oder (bewegten) Bildern.

Wir (Alexander Draheim und ich) haben Fotos und Filmmaterial aus Schweden mitgebracht. Ziel war es, einen Elch zu sehen, was sich wesentlich schwieriger gestaltete als anfangs gedacht. Für uns war es keine Option, einen Elchpark mit Tieren in Gefangenschaft zu besuchen oder an einer geführten Tour teilzunehmen. Stattdessen machten wir uns selbst auf die Suche. Das Internet führte uns in die UNESCO-Weltkulturerbe-Region Halle-Hunneberg. Dort gibt es ein Elchmuseum und zahlreiche Schilder, die auf das Tier hinweisen. Wir liefen also gespannt los, durchstreiften Wälder, umrundeten Seen und sahen: nichts. Keinerlei Elche und auch sonst erschreckend wenige Vögel und Säugetiere (domestizierte Hunde ausgenommen). Der Besitzer des Campingplatzes bestätigte unsere Beobachtung: Die Elch-Population schrumpft. Trockenperioden und die Jagd machen den Tieren zu schaffen. Die raue Realität abseits der Bullerbü-Romantik.

Wir suchten also weiter und entdeckten einen Touranbieter für Elchsafaris, der im Naturreservat Malingsbo-Kloten aktiv ist. Kurzerhand fuhren wir dorthin und entdeckten so als netten Nebeneffekt unsere bisherige Lieblingsregion in Schweden: Dalarna.

Angekommen, kochten wir uns Wraps mit Allerlei sowie Kaffee und machten dann einen Plan. Mit unserem treuen Begleiter, einem ausgebauten Renault Master L2H2, fuhren wir im Zickzack durch die Region, über Wald- und Forstwege, die Augen immer nach links und rechts gerichtet. Zwischendurch blitzten immer wieder die markanten roten Schwedenhäuschen durchs Dickicht, teilweise sahen wir auch nur Briefkästen oder Mülltonnen. Wir wussten, der Elch grast gerne auf den neu bewachsenen Flächen nach einem Kahlschlag und ernährt sich gerne von Baumtrieben, frischem Laub (besonders Weide, Birke und Pappel) sowie Wasserpflanzen. Zudem sahen wir uns zuvor andere Schnappschüsse von Elchen in der Region an.

Es wurde immer dunkler und wir hatten noch keinen Elch gesehen. Auf einmal aber stand er da: weit oben auf einer gerodeten Fläche. Es war mittlerweile so lichtarm, dass wir nur noch mit ISO 20.000 ein schemenhaftes Bild schießen konnten. Aber wir wussten nun: Es gibt ihn hier! Auf dem Rückweg leuchtete plötzlich ein Augenpaar aus dem Gebüsch. Im Scheinwerfer unseres Autos lief ein kleinerer Elch über die Straße und verschwand wieder. Nun waren wir endgültig angefixt. Auf der Landstraße meinten wir um kurz vor 22 Uhr, noch einen Elch auf einem Feld stehen gesehen zu haben. Glücklich kamen wir auf dem Campingplatz an, wo sich schon herumgesprochen hatte, dass wir auf der Suche nach Schwedens Nationaltier sind.

Ein netter Nachbar sprach uns an und zeigte Fotos seiner Wildkamera von Elchen, die bei ihm im Garten an einem Salzstein lecken. Wir waren begeistert, aber es zeigte sich eine Erkenntnis, die schon unsere Großeltern wussten: Erfolg muss man sich selbst erarbeiten und der Weg ist das Ziel! Es stand fest: Wir wollen das Tier selbst erleben und festhalten.

Am nächsten Tag fuhren wir früher ins Gebiet, stellten unser Auto ab und gingen in Tarnkleidung zu einem Moorgebiet. Kein Elch. Später fuhren wir wieder mit dem Auto herum. Da blickten uns zwei Augen an – bei Helligkeit! Hinter elchhohem Gebüsch stand er, vielleicht auch mehrere.

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Davon motiviert und beschwingt ging es weiter. Doch es sollte eine weitere Stunde dauern, bis wir einen weiteren Elch sahen. Ein wahrer Glückstreffer, denn dieses Exemplar flirtete fast schon mit der Kamera. Der Elch guckte interessiert, ohne große Anzeichen zur Flucht zu machen. So hatten wir mehrere Minuten Zeit, stiegen aus dem Auto aus und näherten uns dem Tier an.

Letzten Endes konnten wir uns das Gleiche auf die Fahne schreiben, was der nordische Touranbieter tut: 100 % Sichtungsgarantie bei unseren Ausflügen in Malingsbo. 😎😉

Die Welt wäre eine bessere, wenn alle Jäger mit Film und Foto nach Hause kämen. Dann könnten sich auch mehrere Menschen häufiger an ein und demselben Tier sowie seinen Nachkommen erfreuen. Es gibt vereinzelt Fälle, in denen Menschen Tiere erschießen, weil sie in deren Existenz ihre Herde oder ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse bedroht sehen. Das ist zwar im ersten Moment nachvollziehbar, dennoch sollten wir Menschen uns fragen, wer zuerst da war und in wessen Lebensraum wir vielleicht eingedrungen sind mit unserer Existenz. Vom „König des Waldes“ bleibt nur eine beschädigte Krone übrig, wenn ihm sein natürlicher Raum sowie Nahrungsquellen genommen werden.

Wenn dann mit Tradition argumentiert wird, haben wir dafür mittlerweile nur noch wenig Verständnis. Es liegt in der Natur der Sache, dass Kinder die Welt für sich selbst reflektieren, wozu auch gehört, konträr zu den Gewohnheiten des Elternhauses zu entscheiden. In den meisten Fällen ist Jagen heutzutage zumindest zur Nahrungsbeschaffung kein notwendiger Sport mehr, sondern eher ein Abenteuer, ein Grund rauszugehen und Zeit in der Natur zu verbringen – alleine oder mit Freunden. Umso besser, dass Naturfotografie und Film sich immer größerer Beliebtheit erfreuen in einer neuen Generation von Outdoorbegeisterten.

Fotografie: Alexander Draheim und ich 📸🤝